Debian Linux für Blinde und Sehgeschädigte
Software Lösungen, die Blinden und Sehbehinderten den barrierefreien Zugang auf einem Windows PC bereitstellen sollen, sind meistens kostspielig und Windows selbst bietet nur bedingt Möglichkeiten zum Anpassen. Ob Linux sich als Alternative behaupten kann, wollen wir in diesem Artikel - anhand von Debian - beleuchten.
Dabei gehe ich nicht genauer auf die exakte Konfiguration ein, da dies den Rahmen sprengen würde sondern gebe nur eine Übersicht. Wie bereits geschrieben betrachte ich die aktuellen Möglichkeiten mit Debian und Gnome, es gibt jedoch noch viele andere Projekte.
Ganz am Anfang - Booten
Wenn sich auf dem PC eine Dualboot-System befindet, ist die Auswahl des Betriebsystems in einem Bootmanager wie grub schon die erste Hürde. Allerdings können in grub-legacy und grub2 Farben für Vorder- und Hintergrund, für ausgewählte und nicht ausgewählte Einträge definiert werden.
grub/grub2 kennt folgende Farben:
black, blue, green, cyan, red, magenta, brown und light-gray.
Außerdem können zusätzlich folgende für den Vordergrund definiert werden:
dark-grey, light-blue, light-green, light-cyan, light-red, light-magenta, yellow und white.
Bei folgender Konfiguration in /etc/grub.d/05_debian_theme:
set color_normal=black/green set color_highlight=black/red
und einem update-grub2 ist die Betriebssystemauswahl im Hintergrund grün und der aktuell ausgewählte Eintrag knallrot. Um einen Piepton auszugeben wenn grub gestartet ist gibt es einen kleinen Trick.
Mittels eines Hexeditor öffnet man die grub.lst bzw, eine Datei aus /etc/grub.d/ und ergänzt in dem Titel eines Eintrages den Hex-Wert 0x07. [1]
Anmeldung
Leider ist es nicht möglich orca oder eine andere Sprachausgabe schon im GDM zu starten. Allerdings können unter System->Systemverwaltung->Anmeldebildschirm insgesamt 3 Sounds für drei Events definiert werden: GDM gestartet, Login erfolgreich und Login fehlgeschlagen. Auch können die Themes angepasst werden und eigene designed werden um spezielle Kontrastmuster zu erzeugen. GDM bietet auch die Möglichkeit sich automatisch einzuloggen, jedoch sollte man sich, aus nahe liegenden Gründen, gut überlegen ob man dieses Feature benutzt.
Bildschirmvergrößerung, Tastenkürzel und Themes
Für Sehbehinderte gibt es eine Vielzahl an Möglichkeiten die Oberfläche anzupassen. Es gibt mehrere Webseiten (gnome-look.org, box-look.org) mit vielen Themes für Gnome und andere X Windowsysteme und eine Vielzahl an Maus-Themen. Tastenkürzel lassen sich über System->Systemverwaltung->Tastenkürzel einfach zuweisen. Außerdem gibt es eine Vielzahl an Bildschirmlupen. Hier bietet sich auch Orca mit seiner Vergrößerung an. Eine weitere Alternative ist compiz-fusion, dieses bietet mehrere mächtige Plugins, wie zum Beispiel ezoom (Enhanced Zoom Desktop) oder color filter. In diesem Video werden unter anderem einige der Plugins vorgestellt: http://www.youtube.com/watch?v=StCnAIPXaNU.
Braille und Sprachausgabe
Neben der Sprachausgabe gibt es die Braille-Zeile, diese sind zusammen die meist genutzte Kombination bei blinden Usern. Die Braille-Zeile wird vor oder unter die Tastatur geschoben und besteht aus einer Reihe an Feldern, die meistens aus 2x4 Stiften bestehen, welche beliebig hoch geschoben werden können. So können Inhalte in Braille-Schrift dargestellt werden. Zusätzlich befinden sich über und unter den Feldern Knöpfe mit denen von einem Element (Ordner, Tabs, Links) zum anderen navigiert werden kann und bei Bedarf diese auch ausgewählt werden können.
Orca ist der Standard Screenreader und die Vergrößerungssoftware für Gnome basierende Desktops. Wenn Orca noch nicht installiert ist lässt es sich dies mit apt-get/aptitude install gnome-orca nachholen. Zur Kommunikation zwischen Braille und Computer wird der Daemon Brltty verwendet. Brltty ist ebenfalls in den Paketquellen verfügbar. Die Konfigurationsdatei /etc/brltty.conf ist ausführlich dokumentiert. Nach einem Neustart sollte die Zeile bereits funktionieren. Allerdings funktioniert Brltty alleine nur in der Konsole, Sobald GDM startet steht auf der Zeile lediglich "Not in Text-Mode". Wenn dann der User angemeldet und orca gestartet ist, kann die Zeile auch in der grafischen Umgebung benutzt werden. Die Standardsprachsynthese von Orca eignet sich nur fürs Englische, im Deutschen ist sie fast unbrauchbar.
Abhilfe schafft hier voxin , eine Sprachsynthese der Firma oralux, diese kostet lediglich 5 Euro. Diese klingt der Jaws Eloquence Sprache Reed sehr ähnlich und erleichtert den Wechsel für Jaws Nutzer deutlich.
Fazit:
Die hohe Anpassbarkeit von Linuxsystemen ermöglichen es die Umgebung für den Benutzer sehr gut anzupassen, allerdings steigt somit auch die Komplexität, da z.B die Konfiguration von grub gute Linuxkentnisse voraussetzt. Trotzdem ist ein reibungsloses Arbeiten auch für blinde und sehbehinderte Benutzer unter Linux möglich. Hier kommen aber auch Projekte wie vinux zum Zuge Ich möchte die Seite von linux-fuer-blinde.de von Simon Bienlein erwähnen die viel Informationen und Anleitungen zu dem Thema bietet. Positiv und wichtig zu erwähnen ist natürlich das, abgesehen von voxin, alles kostenlos ist. Dies ist bei den horrenden Kosten für z.B JAWS oder Lunar nicht unerheblich auch wenn ggf. die Krankenkasse die Software bezahlt, was in den meisten Fällen einen Papierstapel und viel Nerven hinter sich herzieht.
Weiterführende Links:
- http://library.gnome.org/users/gnome-access-guide/ - GNOME Desktop Accessibility Guide
- http://www.linux-fuer-blinde.de/ - Die Informations Seite von Simon Bienlein
- http://wiki.compiz.org/Plugins - Eine Liste mit den Plugins für compiz
- http://live.gnome.org/Orca - Projektseite von Orca
- http://mielke.cc/brltty/ - Projektseite von brltty
- http://www.linux-speakup.org/ Ein Screenreader Projekt
- http://vinux.org.uk/ - Speziell angepasste Version von Ubuntu für Blinde und Sehgeschädigte
[1] http://www.mail-archive.com/ubuntu-accessibility@lists.ubuntu.com/msg02874.html
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Februar 5th, 2010
Moment, Linux für Sehgeschädigte und du möchtest Grub in Rot/Grün gestalten? Ich würde mal vermute, dass die Rot-Grün-Schwäche eine der verbreitetsten Sehprobleme sind. Da stehen diese Leute dann wieder auf dem Schlauch
Gut aber das du die anderen Farben mit dazu schreibst!
Februar 5th, 2010
Was macht ein Blinder mit GDM, GNOME (auf dem Notebook mit der Braillezeile davor) oder anderem grafischen Schnickschnack? Die mächtigen Kommandozeilentools von Linux sollten doch einen entscheidenden Vorteil gegenüber Windows darstellen.
Februar 5th, 2010
Ohne Zweifel tut sie das, doch die meisten User möchte häufig in erster Linie unkompliziert und wie gewohnt surfen, chatten und Texte schreiben, deswegen bin ich nicht näher drauf eingegangen. Wenn der Bedarf und das Interesse besteht, kommt das intensive nutzen der Konsole von selbst, sei es nun mit mutt, irssi/finch, Lynx oder nano/vi.
Februar 6th, 2010
Aber wie kann ein Blinder oder schwer Sehgeschädigter eine herkömliche grafische Oberfläche überhaupt wahrnehmen? Selbst wenn es möglich ist alle Textelemente vorzulesen bzw. über Braillezeile auszugeben spielen doch Anordnung und Symbole eine entscheidente Rolle. Von der Unmöglichkeit etliche Dinge ohne genaues Zielen mit der Maus zu tun erst garnicht zu reden …
Daher stelle ich mir Kommandozeilenprogramme für Sehbehinderte deutlich ergonomischer vor. Diese kommen nämlich zwangsweise komplett ohne Symbole und Maus aus, sind meist sehr schlicht und zeilenweise aufgebaut und lassen sich oft über Befehle und Tastenkürzel bedienen (und selbst wenn man mal mit den Pfeiltasten eine Wahl in einem Kommandozeilen-Menü treffen muss: das ist noch immer deutlich leichter zu beschreiben als die Postition eines Mauszeigers). Auch kompliziert zu beschreibende Dinge wie Fenster, Dropdown-Menüs usw. gibt es in der Kommandozeile nur sehr selten.
Für Menschen die „nur“ eine gewisse Sehbehinderung haben, kann eine herkömliche grafische Oberfläche mit Hilfsmitteln natürlich durchaus geeignet sein. Bei allen schwerer Behinderten frage ich mich aber wirklich wie sich diese nur mit einer Braille-Zeile und/oder Sprachausgabe in der bunten Welt der Fenster, Symbole und Menüs zurechtfinden. Nach dem ich mir aber auch nicht vorstellen kann wie es möglich ist Braille flüssig zu lesen, kann es durchaus sein das blinde Menschen damit umgehen können. Die Erfahrungen eines Blinden zum Thema Computer würden mich echt mal interessieren …
Februar 6th, 2010
ich kann es dir nicht exakt beschreiben, weil ich es selber solch ein System nicht benutze, ich versuche aber kurz das Konzept dahinter zu erklären.
Es gibt verschiedene sog. Cursor. Der erste (im JAWS Umfeld PC-Cursor genannt) ermöglicht es durch Dialog-Boxen, Fenster, Leisten und ähnliches zu tabben, spricht also alle Elemente an die man über die Tabulatortaste oder anderen Tastenkombinationen erreichen kann. Die Elemente die man damit nicht erreicht bekommt man mit einem anderen Cursor, dieser hängt sich an die Maus, der User hat jetzt die Möglichkeit mit der Tastatur ein Element hoch oder runter zu springen. Die Elemente sind z.B Textfenster. Ein kleines Beispiel:
Man hat ein Fenster mit einer ICQ-Nachricht auf, wenn man jetzt schreibt, tabbt man mit dem PC-Cursor auf die Eingabe-Box und schreibt seine Nachricht, wenn er nun eine Antwort bekommt wechselt er zum anderen Cursor und rutscht ein Element hoch um die Antwort zu lesen, der Text steht dann auf der Braille Zeile oder wird von der Sprachausgabe vorgelesen, beides gleichzeitig ist auch möglich.
Februar 6th, 2010
Es gilt nur als Beispiel, diese Kombination habe ich bei jemanden benutzt der nur Schatten und ein bisschen Farben sehen konnte, dort war der größtmögliche Kontrast die Lösung, jemand mit Rot Grün Schwäche wäre in der Tat aufgeschmissen
Ps.: Entschuldige das ich deinen Kommentar erst so spät freigeschaltet habe, du warst im Spam Ordner gelandet.
Mai 22nd, 2010
Aber wie kann ein Blinder oder schwer Sehgeschädigter eine herkömliche grafische Oberfläche überhaupt wahrnehmen? Selbst wenn es möglich ist alle Textelemente vorzulesen bzw. über Braillezeile auszugeben spielen doch Anordnung und Symbole eine entscheidente Rolle. Von der Unmöglichkeit etliche Dinge ohne genaues Zielen mit der Maus zu tun erst garnicht zu reden …
Daher stelle ich mir Kommandozeilenprogramme für Sehbehinderte deutlich ergonomischer vor. Diese kommen nämlich zwangsweise komplett ohne Symbole und Maus aus, sind meist sehr schlicht und zeilenweise aufgebaut und lassen sich oft über Befehle und Tastenkürzel bedienen (und selbst wenn man mal mit den Pfeiltasten eine Wahl in einem Kommandozeilen-Menü treffen muss: das ist noch immer deutlich leichter zu beschreiben als die Postition eines Mauszeigers). Auch kompliziert zu beschreibende Dinge wie Fenster, Dropdown-Menüs usw. gibt es in der Kommandozeile nur sehr selten.
Für Menschen die „nur“ eine gewisse Sehbehinderung haben, kann eine herkömliche grafische Oberfläche mit Hilfsmitteln natürlich durchaus geeignet sein. Bei allen schwerer Behinderten frage ich mich aber wirklich wie sich diese nur mit einer Braille-Zeile und/oder Sprachausgabe in der bunten Welt der Fenster, Symbole und Menüs zurechtfinden. Nach dem ich mir aber auch nicht vorstellen kann wie es möglich ist Braille flüssig zu lesen, kann es durchaus sein das blinde Menschen damit umgehen können. Die Erfahrungen eines Blinden zum Thema Computer würden mich echt mal interessieren …